Ich habe Angst


Seit langem erscheint hier mal wieder ein Beitrag. Durch längere Krankheit und Studium ist zum Bedauern meinerseits kaum noch Zeit, aber ich habe ein wichtiges Anliegen was ich mir gerne von der Seele schreiben möchte, denn - ich habe Angst - Angst mit meinen Hunden spazieren zu gehen. Als wir uns den ersten Hund ins Haus holten träumte ich von entspannten Waldwanderungen schönen Ausflügen aufs Feld und in die Berge. Durch unser Jagdschwein ja nun etwas schwierig, aber dieses Thema will ich jetzt überhaupt nicht vertiefen. Es geht mir um etwas anderes - nämlich meine Mitmenschen und Mithundehalter.




"Wenn ich heute mit dem kleinen Jagdschwein und einem in die Jahre gekommenen Border-Aussi-Irgendwas-Mix, der nicht mehr ganz so viel sieht, das Haus verlasse fühle ich mich wie ein Agent auf geheimer Mission. Es fängt schon beim "anziehen" und "ausrüsten" in der Wohnung an. Beide bekommen ein Geschirr drum und Glenn zusätzlich ein gelbes Tuch mit drei schwarzen Punkten. Er ist zwar nicht komplett blind, aber die Menschen zeigen dadurch einfach mehr Verständnis. (Danke an der Stelle an Dalmatiner Lilly's Frauchen!) Ich bewaffne mich mit 2 Leinen, Maulkörben, Leckerchen, Pfeife, Hundekotis, Spiely sowie einem Stock aus guter deutscher Eiche. 

Wer jetzt denkt ich schlage meine Hunde...weit gefehlt, aber weiter im Text. Ich fühle mich gut gerüstet und atme tief durch. Freudig wedeln werde ich daran erinnert die Tür zu öffnen. Bevor ich dies tue horche ich kurz ins Treppenhaus. Ruhe. Ein Glück. Unsere Nachbarn, mit den schrecklich lauten verzogenen Kindern, scheinen heute länger zu schlafen. Entschlossenen stiefeln wir die zwei Etagen zur Haustür hinunter. Bevor ich die Hunde auch durch die Tür lasse halte ich ausschau nach potenziellen Gefahren: andere Hunde, kleine Kinder und Fahrradfahrer. Nichts. Ein Glück. Ein Seuftzer entweicht mir uns ich wünsche mir ein Haus auf dem Dorf oder nein - einen Bauernhof. Irgendwo ganz weit weg von allem.

Die Bahnhaltestelle ist glücklicherweise genau vor unserer Haustür. Noch 2min. Die Hunde sitzen friedlich neben mir. Um dieses Uhrzeit ist die Bahn glücklicherweise nicht sehr voll. Tja alles Taktik. Um 7:00 Uhr am Sonntag trauen sich eben nur die Mutigen raus. Ich setzte Glenn zwischen meine Beine und Ilari legt sich daneben. Eine Rentnerin versucht die Hunde mit seltsamen Geräuschen anzulocken. In diesem Moment wünsche ich mir ein Auto . . . Nach 4 Stationen können wir aussteigen.  Der Wald empfängt uns. Leinen ab! Juhu! Oder nein... HALT! Kommando zurück! Ich wittere Gefahr. Ein älteres Ehepaar mit Terrier namens "Na-komm-mein-Kleiner-Komm-Los-Sonst-wird-Mama-böse" erscheint zwischen den Bäumen.

Glenn spannt sich an und Ilari setzt eine genervte Miene auf bleibt aber ruhig neben mir. Ich weiche ins Gebüsch aus aus umklammere meinen Stock wie ein Samuraischwert. 30m trennen uns von diesem Dreiergespann. Die Leute haben uns bemerkt. Der kleine Terrier kommt langsam mit erhobener Rute und starrem Blick auf uns zu. Noch 20m. Ich schaue meinerseits starr zu den Hundebesitzern doch diese laufen einfach weiter. Noch 15m. Glenn wird unruhig und beginnt zu fiepsen. Ich kann ihn verstehen. Ich habe auch Angst. Die Chance durch lautes Brüllen die Zweibeiner dazu zu bewegen ihren Hund heranzurufen stufe ich als gering ein. Außerdem sind sie mittlerweile um die nächste Ecke gebogen. Ohne ihren Hund.

Weiter in den Wald geht es nicht - überall Gestrüpp. Glenn signalisiert mir das er bereit ist zum Angriff. Ich brauch's nur sagen. Ilari versucht der weilen die Situation zu entspannen und legt sich hin. So ein braver Junge denke ich mir. Noch 10m. In meiner ganzen angestauten Wut greife ich zum Schlüsselbund in meiner Tasche und werfe ihn gekonnt in Richtung des Übeltäters. Daraufhin ergreift er die Flucht. Ich sinke erleichtert in die Knie. Glenn schaut mich anerkennend an. Glückstreffer denke ich mir. Wir verharren noch 5min in der Position bis wir uns aus der Niesche kämpfen. Eigentlich könnte ich sofort wieder nach Hause fahren. Mir ist die Lust vergangen. 



Die Leinen bleiben erstmal dran. Sicher ist sicher. Nach 600m höre ich es hinter uns rascheln. Ich drehe mich um und im selben Moment schießt ein Radfahrer nur wenige Zentimeter neben Ilari vorbei. Er erschrickt sich glücklicherweise nicht sehr, da er es vom Bikejöring gewohnt ist nah am schnellen Rad zu sein. Dem Mann rufe ich ein beherztes: "SIE SPINNEN DOCH WOHL!" hinterher. Meine Laune sinkt gegen null. Die nächste Kreuzung biegen wir tiefer in den Wald ein. Schnell noch einen Blick nach links und rechts ob wir auch ja alleine sind. Endlich können die Leinen ab. Es wird eifrig geschnüffelt, Spielzeug gesucht und getrickst. Die Hunde haben Spaß und meine gute Laune kommt zurück.

Doch keine viertel Stunde später sollte auch dies wieder ein jähes Ende finden. Eine Gruppe von vier Hunden und fünf Menschen wird sichtbar. Ich rufe die Hunde ran um zu schauen wo die Leute abbiegen. Sicherheitshalber gehe ich den Weg ein Stück zurück, sodass sie mich aber noch sehen können. Die fremden Hunde entdeckten uns natürlich früher als ihre Halter. Einer von ihnen kam schnellen Schrittes auf uns zu. Die Menschen entdeckten den Ausreißer und sahen uns jetzt auch. Ich rief ihnen zu sie sollen doch bitte ihren Hund zurück rufen. Das versuchten sie auch, was jedoch kläglich an der Nichterziehung scheiterte. Gleiches Spiel wie beim ersten Mal. Nur das sich jetzt auch ein zweiter Hund entschloss dem ersten Beizustehen. 

Klasse! - dachte ich mir. Ich rief nochmals und diesmal deutlicher: "Ich glaube sie sollten ihre Hunde jetzt wirklich mal ran rufen, sonst kann ich für nichts garantieren." und erhob meinen Stock. Es wurde nun lauter gebrüllt nach den Hunden, was diese aber nur anzustacheln schien. Glenn spannte sich schon wieder bis zum umfallen an, also lief ich - die Verfolger im Auge behaltend - rückwärts weiter den Weg zurück. Die ließen sich nur leider nicht abschütteln. Also band ich Glenn so schnell es ging an einen kleine Baum legte Ilari ab und machte mich mit Leckerchen bewaffnet auf den Weg die Hunde einzusammeln. So war jedenfalls der Plan. Die wollten aber lieber Stunk anfangen und liefen kläffend auf mich und die 5m hinter mir liegenden Hunde zu. 

Gut. Dann halt anders. Die Besitzer hatten leider immer noch nix besseres als nach ihren Hunden zu rufen und mich anzuschreien ich solle die halt einfach lassen die sind lieb und so weiter. Als der ersten anfing mir die Zähne zu zeigen ist bei mir die Sicherung durchgebrannt. Der Stock ist gut 1 cm neben seinem Kopf auf den Boden geschlagen und als der Andere die Gelegenheit nutzen wollte an mir vorbei zu kommen bekam er ihn seitlich in die Rippen. Schemenhaft habe ich dann wahrgenommen wie Glenn hinter mir völlig ausgerastet ist. Das war einfach zu viel für meine Nerven. Ich packte einen von ihnen am Halsband und den Andere scheuchte ich mit dem Stock vor mir her. Ich habe bestimmt 5min lang nur die Menschen angeschrien, die dann ihre Hunde bei mir einsammelten. An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern, aber den Gesichtern nach zu urteilen kann es nichts Schönes gewesen sein. 

Den Tränen nahe drehte ich mich zu meinen Hunden, um sie wieder einzusammeln. Ilari war aufgestanden und kam in meine Richtung gelaufen. Ich war zu aufgelöst und vergaß völlig ihn wieder in seine Position zu bringen. Trotz des kalten Waldbodens kniete ich mich neben Glenn und konnte nicht anders als einen Heulkrampf in seinem Fell zu ersticken.

Als wir uns alle wieder etwas beruhigt hatten machte ich mich wie ein Zombie auf den Weg zurück zur Bahn. Ich ignorierte den kleinen Jungen der Ilari fast in die Seite gefahren wäre. Die zwei Fahrradfahrer, die mich anmeckerten doch ein bisschen mehr an die Seite zu gehen. Die Frau mit dem Hund der sich kläffend in die Leine warf, als gäb es kein Morgen. Sie kleine Familie wo heiß diskutiert wurde ob Ilari ein Langhaardalmatiner ist und das die Hunde ja soooooo lieb wären. Das sieht man ja schließlich. 

Eine ereignislose Rückfahrt, wenn man von meckernden Rentnern mit ihrem Rollator absieht die den Hunden fast über den Schwanz fahren, obwohl genug Platz ist. Langsam schleppe ich mich die 2 Etagen in die Wohnung hoch. So wie ich die Tür hinter mir schließe fällt eine tonnenschwere Last von meinen Schultern. Hier sind wir sicher. Noch schnell den Hunden ihren Sonntagsknochen zugeworfen und ab aufs Sofa. Nächsten Sonntag werde ich noch eher aufstehen. Vielleicht um 05:00. 

Ich brauche eine Stirnlampe."



Jetzt ist es doch so viel Text geworden, aber es beschäftigt mich wirklich enorm. Wir haben leider nicht das Glück auf dem Dorf leben zu dürfen, weil wir studieren. In einer Stadt muss man sich eben arrangieren. Rücksicht nehmen, aber das scheint ausgestorben zu sein. Ich bin mittlerweile so weit, dass ich mir vorgenommen habe an jeden Wald-/Wieseneingang Aushänge für den richtigen Umgang miteinander zu machen. Das kann doch nicht sein, dass ich mittlerweile Angst haben MUSS! Mit meinen Hunden raus zu gehen. Ich nehme doch auch Rücksicht auf Andere. Ich rufe meine Hunde ran, wenn jemand dies wünscht. Bei Fahrradfahrer sowieso. Bei Kleinkindern, bei Rentner, bei anderen Hunden. Was ist so schwer daran sich dafür einfach zu bedanken und vielleicht ein Beispiel daran zu nehmen. 

RÜCKSICHT und VERANTWORTUNG kosten nichts! Man muss dafür nicht viel tun!

Ich möchte wieder ANGSTFREI spazieren gehen können ohne 100km in den Busch zu fahren. 

Warum geht das nicht?

Kommentare:

  1. Ohne dir jetzt auf den Fuß zu treten etc... aber ich finde das hier ist hausgemachter Stress.
    Ja, ich weiß selber wie schwierig und teilweise anstrengend und nervenaufreibend manche Spaziergänge sind, da einfach 90 % der Menschen keine Ahnung von Ihrem Hund haben, er nicht hört oder einfach nie erzogen wurde... und es eigentlich immer Stunk gibt.
    Heutzutage ist es bei fast jedem Menschen nicht mehr "NORMAL" seinen eigenen Hund anzuleinen.. Nein er wird einfach laufen gelassen, denn die Hunde klären das schon untereinander oder es heißt der will nur spielen!!!!
    Ich weiß also was du meinst und bin da mittlweile auch schnell auf 180, da ich dieses Verhalten nicht als normal empfinde.

    Aber ich weiß mich zu wehren.. meine Hunde setze ich ab (und dann bleiben sie auch dort) und der KILLERHund bekommt von mir eins zwischen die Hörner... ich blocke ihn ab, stehe direkt vor meinen Hunden um sie zu schützen - weil wir einfach nicht JEDEM Hund "Hallo" sagen möchten, oder ich mit meinem gerade im Training bin. Der Grund ist eigtnlich total egal - wir wollen keinen Kontakt und gut ist.
    Und das kann ich eigentlich den Killerhunden immer sehr gut klarmachen.

    Aber ich finde, wenn man schon so panisch in der Wohnung den Spaziergang startet, dann kann man nur negativ aus der Sache gehen. Bleibt locker - entspannt euch... wieso flüchtet ihr ? Die andern Hunde sollten wenn vor euch flüchten.
    Setz deine zwei ab und gib dem Gegenüber klar zu verstehen, das ihr keinen Kontakt wollt.

    Kopf hoch !
    LG, Carola mit Deco + Pippa

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    1. Wir flüchten, weil Glenn schlechte Erfahrung mit Hunden gemacht hat und noch im Resozialisierungsprozess ist.

      Er würde nicht sitzen bleiben. Er würde aus Angst und Panik auf den anderen Hund losgehen.

      Hatten leider in letzter Zeit in unserem Umfeld so viele Beißvorfälle und manche Hunde sind schon so versaut, dass sie sogar Menschen beißen. Bei uns jedenfalls... :-(

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    2. Die beißen Menschen ?!?!
      Ach herrje - da hilft wirklich nur noch umziehen auf den Bauernhof ;-).
      Nein Spaß beiseite ! Das kann ich natürlich verstehen, das Glenn dann so panisch ist und es für dich auch schwer ist dort noch locker zu bleiben.

      Aber du weißt ja bestimmt genauso wie ich, das sich deine ganze Anspannung auch auf deine Hunde überträgt.
      So einfach und easy peasy es von mir klingt, mach dir nicht so einen Druck und versuch locker zu bleiben...
      KLAR und LOCKER und zeig deinem Gegenüber das du wirklich keinen Kontakt willst.
      Und sei es das du deine Hunde anbindest (wie du es gemacht hast) und die Sache selbst in die Hand nimmst.
      Wenn auch du schon voller Panik bist wird sich Glenn schwer tun locker zu werden (kenne das von meiner Hündin Pippa, sie ist nun ein gutes Jahr bei uns und war am Anfang auch total verstört und ging direkt in Angstkleffen und Schnappen bei anderen Hunden über).
      Du musst Ihm zeigen das du die Sache im Griff hast..

      Ich weiß das klingt alles so einfach - das ist es nicht und erst recht nicht wenn man nur bescheuerte Mitmenschen um sich herum hat, die weder ihre Hunde im Griff haben noch die Situtaion richtig einschätzen können.

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    3. Ja das stimmt. Ich Panik = Hund Panik, aber es ist echt verdammt schwer.

      Es wäre so schön, wenn einfach jeder bissl Rücksicht nimmt. Ich erwarte ja keine Topausbildung sondern nur eine Leine. Ich bin auch bereit welche zu spenden. *grins*

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  2. Huhu :)
    Fals es dich ein wenig beruhig... meinen Zweibeinern geht es ähnlich und sie können dich verstehen!

    Schlabbergrüße Bonjo

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  3. Also, wenn Du diesen Artikel ernst meinst, dann ist es wirklich besser, Du bleibst mit Deinen Hunden zu Hause...

    Auf dem Land bist Du auch nicht alleine, das kann man in der heutigen Zeit wohl auch nicht mehr verlangen. Vielleicht solltest Du Dir professionelle Hilfe für Dich, Dein Problem und das Deiner Hunde holen, damit Du aus diesem Teufelskreis wieder heraus kommst. Auf andere kannst Du da nicht wirklich zählen (weil es nicht deren Problem ist) und selbst wenn, es gäbe immer Situationen, die man nicht überblicken, einschätzen oder sonst was kann...

    Versteh mich nicht falsch, ich habe auch einen Hund, der auf Kontakt mit anderen Hunden sehr gerne verzichten kann, aber in der Zwischenzeit haben wir die Sache für uns ganz gut im Griff, was nicht daran liegt, dass unser Umfeld netter geworden wäre. Die Lösung liegt bei/in Dir, die Schuld auf andere abzuwälzen und mit Stöcken um sich zu schlagen, wird Dich nicht weiterbringen...

    Ich wünsche Dir eine baldige Lösungsstrategie, mit der DU zurecht kommst und ganz viel Mut, Ruhe und Gelassenheit in der Umsetzung...

    LG Andrea mit Linda

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  4. Ich finde Deinen Beitrag zunächst einmal sehr traurig. Denn Du scheinst mit der Situation echt überfordert zu sein. Dabei ist es für mich gar nicht wichtig, ob das Probelm hausgemacht ist oder nicht. Die Gefühle, die Du hast sind einfach nicht schön und niemand sollte nach einem Hundespaziergang weinen. Ich kann Dir nur heute keinen Rat geben. Ich glaube ich muss darüber nachdenken.

    Ich wünschte mir auch manchmal mehr Respekt. Aber wie kann ich mich verhalten, dass diese Erwartungen erkannt werden. Noch früher aufstehen und sich mit Stock und Maulkorb bewaffnen ist glaube ich nicht der richtige Weg. Du bist schon angespannt, wenn Du sie bewaffnet losziehst. Diese Spannung begleitet Dich und wird von allen wahrgenommen und bestimmt die Situation....

    Ich würde mich gerne noch einmal melden, muss darüber nachdenken ....

    Wünsche Dir heute erst einmal Mut und Zuversicht...

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

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    1. Danke für die tröstenden Worte. Es ist in der Stadt leider einfach nicht leicht, weil einige sogar ohne Halsband oder Leine mit ihrem Hund das Haus verlassen...

      Geht man auf die Menschen zu und bittet sie anzuleinen wird man ausgelacht, ignoriert oder angepöbelt... Ganz selten kommt jemand der Bitte nach und deren Hunde sind meist friedlich.

      Versucht man dem Ganzen aus dem Weg zu gehen laufen die Leute einfach weiter als wäre nix und dann kommt es dazu das unser Renter aus Angst um sich beißt, weil er schon gebissen wurde und nicht mehr alles sieht. :-(

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